Vom "Ich muss..." zum "Ich will..."

Eine Methode, nachhaltig mit eigenen Ressourcen umzugehen

Immer wenn ich die Worte „Man muss doch…!“ höre, stellt sich bei mir leichtes Unbehagen ein. Ich habe früher oft Sätze gesagt, die so anfangen. Und ich habe darunter gelitten, dass viele Menschen anscheinend nicht wissen, wie das Leben funktioniert, oder zumindest nicht danach handeln. Unglaublich, warum sehen die das denn nicht? Meines Erachtens litt ich an Ihnen, sie waren Schuld.

 

In meiner Shiatsu-Ausnildung wurde mir einiges beigebracht – nicht nur Shiatsu-Techniken. Es wurde mir auch geholfen, weniger an mir selbst zu leiden. Ja – an mir selbst. Denn ich hatte nicht an den anderen gelitten, die einfach nicht das machten, von dem ich glaubte, dass man es zu tun hat. Ich hatte an meinem Glauben gelitten. An meinen Glaubenssätzen, die sagten „Man muss doch...“.

 

Das „Man muss doch“ ist etwas in einem drin. Ein Pflichtgefühl, ein Kämpfen für einen Wert, ein Glaubenssatz eben, meistens von den Eltern abgeschaut. Es ist nichts Allgemeingültiges, es ist nur in dessen Gewand gekleidet. Und jeder Mensch hat diese Glaubenssätze, die ihn durchs Leben leiten, für die er kämpft oder unter denen er leidet.

 

Nachdem ich das eingesehen hatte, ging ich leichter, lebensfroher durch mein Leben. Ich litt weniger, da ich nicht mehr voraussetzte, dass Menschen nach meinen Glaubenssätzen handeln. Und ich habe seitdem das Gefühl, dass ich mich weniger von „Man muss doch“-Sätzen antreiben lasse Ich kann bewußter entscheiden, was ich möchte und was nicht. Ich ersetze das „Man muss doch“ durch ein „Ich will“ und prüfe, ob der Satz immer noch stimmig ist für mich. Niemand muß, jeder kann, manche wollen. (Dabei sollte man sich natürlich der Konsequenzen des eigenen Handelns bewußt sein und Vor- und Nachteile abwägen) Und wenn ich möchte, dass jemand etwas in meinem Sinne tut, hilft mein Bedürfnis zu formulieren. Ab und zu werde ich rückfällig. Dann erkenne ich, wie tief diese Glaubenssätze gehen.

 

Was das mit Shiatsu zu tun hat?

Die lähmende Wirkung der unerfüllt bleibenden Ansprüche an die Welt, das Gedankenkarussel des Leidens „Man muss doch...“ wird durchbrochen, der Blick hebt sich. Man sieht, was ist, losgelöst von Glaubenssätzen, und kann daraufhin selbstbestimmt handeln. Man fühlt sich nicht mehr ausgeliefert, sondern kann selbst aktiv werden, wenn man möchte. Diese Einsicht wirkt entspannend auf das Nervensystem.

Damit ist ein erster Schritt Richtung Entspannung getan. Die Tür des Systems ist offen, die Behandlerin kann nun einfacher auch auf körperlicher Ebene zur Entspannung des Gesamtsystems Körper-Geist-Seele des Klienten beitragen. Das Shiatsu kann schneller und effektiver wirken.

 

„Man muss doch“ - Sätze stacheln den Kampfgeist an, generieren einen gemeinsamen Feind, wirken gemeinschaftsbildend. Jüngst sind mir eine Menge solcher Sätze bei einer Veranstaltung begegnet, bei der viele Anhänger einer international agierenden Aktivismus-Gruppierung waren. Ich bin den Anhängern dieser Gruppierung zutiefst dankbar für ihr Engagement, sie können dadurch vieles auf unserem Planeten zum Besseren bewegen, dessen sich sonst niemand annimmt. Und doch habe ich an dem Abend gespürt, warum es mich nie zu dieser Gruppierung hingezogen hat. Ich stieß mit meiner Haltung auf massiven Widerstand, ja Empörung, da ich nicht denselben Glaubenssätzen folgte. Doch diese Sätze können einen auch die eigenen Grenzen überschreiten lassen, können zu Erschöpfung, ja zu Burn-Out führen. Wie weit bin ich bereit zu gehen für eine Sache? Mit der Frage waren wir meines Erachtens genau beim Thema des Abends: es ging um Methoden für nachhaltigen Aktivismus. Wie man dafür sorgen kann, langfristig gut mit seinen Ressourcen umzugehen.

 

Was treibt Sie an? Was ist Ihre innere Motivation? Welche Werte, welche Glaubenssätze haben Sie in sich entdeckt?

 

Über Antworten, Kommentare, Feedback freut sich

Ihre

Cornelia Morgenroth

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